Schnelle Innovation vs. jahrhundertealte Patente: Verändert das Timing alles?

Das Bundespatentgericht (BPatG) hat kürzlich entschieden, dass ein 100 Jahre altes Patent immer noch ein modernes Gebrauchsmuster ausschließen kann (Rechtssache 35 W (pat) 411/23). Doch hier ist der Haken: Dies geschah, weil der Bereich der Klärschlammtrocknung als „Slow-Mover“ mit sehr langen Entwicklungszyklen gilt.

 

Was wäre, wenn sich Ihre Branche blitzschnell entwickelt?

Hätte sich dieser Fall in einem Bereich mit kontinuierlichen, schnellen Entwicklungszyklen (wie KI, Biotechnologie oder Halbleiter) ereignet, wäre das Ergebnis möglicherweise völlig anders ausgefallen. So verschiebt sich die rechtliche Logik, wenn sich das „technische Umfeld“ ständig weiterentwickelt:

 

Der Faktor „Sichtbarkeit“: Aus den Augen, aus dem Sinn?

Das Gericht betonte, dass ein Fachmann historische Dokumente nur dann heranzieht, wenn sie im Umfeld des modernen Stands der Technik noch „erkennbar“ sind.

  • In stagnierenden Bereichen: Grundlegende Konzepte (wie Abstreifer auf Trocknungsflächen) bleiben über Jahrzehnte relevant, sodass der Stand der Technik von 1921 ein legitimer Ausgangspunkt ist.
  • In schnelllebigen Bereichen: Eine 100 Jahre alte Lösung gilt oft als technisch veraltet. Wenn ein Bereich ständigen Umbrüchen unterliegt, ist es weitaus unwahrscheinlicher, dass ein Experte ein Handbuch aus den 1920er-Jahren zu Rate zieht, da sich die zugrunde liegende Physik, die Materialien oder die Softwarelogik grundlegend verändert haben.

 

Kritische Reflexion:

Das „Wiederentdeckungs“-Argument – Das vorrangige Ziel des Gerichts ist es, die „bloße Wiederentdeckung bekannter technischer Konzepte“ zu verhindern. In einer sich schnell entwickelnden Branche erfordert die „Wiederentdeckung“ eines alten Konzepts und dessen Anpassung an moderne Hochgeschwindigkeitstechnologie jedoch oft einen echten erfinderischen Schritt und nicht nur eine modulare Aktualisierung. Der „zeitliche Abstand“ wird dann zu einem starken Indikator für Erfindungshöhe, nicht gegen sie.

 

Überarbeitete Praxistipps für dynamische Branchen

  • Argumentieren Sie mit „Technischer Diskontinuität“: Wenn Sie durch alten Stand der Technik herausgefordert werden, zeigen Sie auf, dass Ihr Industriezweig die „alte“ Logik hinter sich gelassen hat. Beweisen Sie, dass die historische Lösung in Vergessenheit geraten ist, weil sie durch bessere Technologie abgelöst wurde, wodurch ihre Wiederaufnahme nicht naheliegend ist.
  • Die „Suchhorizont“-Verteidigung: Argumentieren Sie, dass ein moderner Entwickler in Ihrem spezifischen Fachgebiet ein hundert Jahre altes Patent nicht in seinen „Standard-Suchhorizont“ einbeziehen würde, da sich die technischen Anforderungen (Geschwindigkeit, Präzision, Skalierbarkeit) so drastisch verändert haben.
  • Heben Sie die Komplexität der Integration hervor: In sich schnell entwickelnden Bereichen ist die „modulare Kombination“ alter Ideen mit neuen Formaten oft technisch schwierig. Konzentrieren Sie Ihre Patentstrategie auf die einzigartigen Schnittstellen und Anpassungen, die erforderlich sind, damit das alte Konzept in einer modernen Umgebung bestehen kann.
  • Beobachten Sie den „Zustand der Stagnation“: Achten Sie darauf, welche Teile Ihrer Technologie „traditionell“ und welche „Hightech“ sind. Selbst in einer schnelllebigen Branche können „Lowtech“-Komponenten (wie einfache mechanische Rahmen) immer noch anfällig für sehr alten Stand der Technik sein.

 

Fazit: Alter ist nur eine Zahl – es sei denn, Ihre Branche hat sich seit der Schulzeit Ihres Urgroßvaters nicht verändert. Je dynamischer Ihr Fachgebiet ist, desto stärker ist Ihre Verteidigung gegen die „Geister“ vergangener Patente.

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